„Der Befund ist nicht der Patient“: Dr. Nassim König über Rückenschmerzen, MRT-Bilder und die Verantwortung vor einer Operation

Nassim König - Der Befund ist nicht der Patient

Worüber schreiben wir:

Dr. med. Nassim König im Gespräch mit Moritz, Operationstechnischer Assistent und medizinischer Blogger

Es gibt im Operationssaal einen Moment, in dem aus einer medizinischen Entscheidung unwiderruflich ein Eingriff wird. Der Patient ist narkotisiert, die Instrumente liegen bereit, das Team hat seine Positionen eingenommen. Was zuvor in Sprechzimmern, radiologischen Befunden und interdisziplinären Gesprächen erwogen wurde, wird nun praktisch umgesetzt.

Als operationstechnischer Assistent erlebe ich, wie präzise moderne Wirbelsäulenchirurgie sein kann. Ich sehe mikrochirurgische Instrumente, hochauflösende Bildgebung und eingespielte Teams. Ich sehe aber auch, dass die entscheidende Leistung nicht immer erst im Operationssaal erbracht wird.

Sie beginnt häufig mit der Frage, ob eine Operation für diesen konkreten Menschen überhaupt die medizinisch nachvollziehbare Option ist.

Genau darüber spreche ich mit Dr. med. Nassim König. Der Facharzt für Neurochirurgie arbeitet mit dem Schwerpunkt Wirbelsäulenchirurgie in Mainz. Sein beruflicher Weg begann nicht mit dem Skalpell, sondern mit einer Ausbildung zum Physiotherapeuten. Nach seiner Tätigkeit in einer eigenen physiotherapeutischen Praxis studierte er Humanmedizin und absolvierte seine neurochirurgische Facharztausbildung an den Universitätskliniken Kiel, Münster und Oldenburg. Seit Mai 2026 ist er als Oberarzt für Neurotraumatologie und Wirbelsäulenchirurgie tätig. In seiner Sprechstunde stehen unter anderem die Einordnung degenerativer Wirbelsäulenerkrankungen, Zweitmeinungen und die Prüfung von Operationsindikationen im Mittelpunkt.

Auf seiner Praxis steht ein Satz, der fast zurückhaltend klingt und doch den Kern der modernen Wirbelsäulenmedizin berührt:

„Die richtige Therapie beginnt mit der richtigen Frage.“

Was aber ist die richtige Frage, wenn ein Mensch Schmerzen hat, das MRT Veränderungen zeigt und die Sorge vor einer Operation wächst?

Herr Dr. König, Rückenschmerzen werden häufig als Volkskrankheit bezeichnet. Ist diese Bezeichnung medizinisch gerechtfertigt?

Dr. med. Nassim König: Rückenschmerzen gehören ohne Zweifel zu den großen gesundheitlichen Herausforderungen unserer Zeit. Dennoch sollte man mit Superlativen vorsichtig umgehen. Medizinisch belastbar kann gesagt werden: Schmerzen im unteren Rücken sind weltweit die häufigste Ursache für mit Einschränkungen gelebte Lebensjahre.

Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation lebten im Jahr 2020 rund 619 Millionen Menschen mit Schmerzen im unteren Rücken. Bis 2050 wird ein Anstieg auf etwa 843 Millionen Betroffene prognostiziert. Gründe dafür sind vordergründig das Wachstum und die Alterung der Weltbevölkerung. Die WHO geht zudem davon aus, dass etwa 90 Prozent der Fälle zunächst als unspezifisch einzuordnen sind. Das bedeutet, dass keine einzelne Erkrankung oder anatomische Veränderung die Beschwerden vollständig erklärt.

Auch für Deutschland zeigen die Zahlen die Größenordnung. In einer Erhebung des Robert Koch-Instituts berichteten 61,3 Prozent der Erwachsenen über Rückenschmerzen innerhalb der vorausgegangenen zwölf Monate. 15,5 Prozent gaben chronische Rückenschmerzen an. Diese Zahlen dürfen allerdings nicht mit der Häufigkeit operationsbedürftiger Wirbelsäulenerkrankungen gleichgesetzt werden. Sehr viele Menschen haben Rückenschmerzen, aber nur ein kleinerer Teil leidet unter einer klar definierten strukturellen Erkrankung, bei der eine neurochirurgische Behandlung geprüft werden muss.

Die zentrale Herausforderung liegt deshalb nicht nur in der Behandlung. Sie liegt in der Unterscheidung: Wer benötigt allgemeine, aktive und gegebenenfalls interdisziplinäre Versorgung? Wer benötigt spezialisierte Diagnostik? Und bei wem besteht eine Erkrankung, die zeitnah neurochirurgisch beurteilt werden sollte?

Warum fällt es trotz moderner Diagnostik so schwer, eine eindeutige Ursache zu finden?

Dr. med. Nassim König: Weil Rückenschmerz keine einheitliche Krankheit ist. Er ist zunächst ein Symptom.

Zwischen einer vorübergehenden muskulären Überlastung und einer relevanten Einengung des Rückenmarks liegt ein breites medizinisches Spektrum. Muskeln, Wirbelgelenke, Bandscheiben, Nerven, Knochen und Bänder können beteiligt sein. Hinzu kommen die allgemeine körperliche Belastbarkeit, das Bewegungsverhalten, frühere Verletzungen, Schlaf, Stress und die Dauer der Beschwerden.

Das bedeutet nicht, dass Schmerzen „nur psychisch“ sind. Diese Formulierung ist für Betroffene häufig verletzend und medizinisch zu undifferenziert. Schmerz ist real. Er entsteht und verändert sich jedoch in einem komplexen biologischen System. Besonders bei chronischen Beschwerden beeinflussen sich körperliche, psychische und soziale Faktoren gegenseitig.

Die WHO empfiehlt deshalb bei länger anhaltenden Schmerzen eine umfassende klinische und psychosoziale Beurteilung. Dabei sollen nicht nur Befunde, sondern auch persönliche Werte, Alltagsanforderungen und Behandlungsziele berücksichtigt werden.

Für die Praxis heißt das: Wir behandeln nicht allein einen Bandscheibenbefund, eine Engstelle oder einen Röntgenwinkel. Wir versuchen zu verstehen, welche Bedeutung dieser Befund für das Leben und die Funktion des Menschen tatsächlich besitzt.

Dann kommen wir zum MRT. Warum ist ein MRT-Bild noch keine Diagnose?

Dr. med. Nassim König: Weil ein MRT Anatomie darstellt, nicht den gesamten klinischen Zusammenhang.

Die Magnetresonanztomographie kann Bandscheiben, Nerven, Rückenmark, Bänder und viele Veränderungen der Wirbelsäule sehr genau sichtbar machen. Das ist diagnostisch außerordentlich wertvoll. Die Aufnahme kann aber nicht allein beantworten, ob eine sichtbare Veränderung tatsächlich die Beschwerden verursacht.

Stellen Sie sich vor, das MRT zeigt einen Bandscheibenvorfall auf der rechten Seite, der Patient beschreibt jedoch ausschließlich Schmerzen und Taubheitsgefühle im linken Bein. Dann besteht zunächst ein Widerspruch. Dieser muss aufgeklärt werden, bevor aus dem Bild eine Therapieentscheidung abgeleitet wird.

Oder das MRT zeigt eine deutliche Spinalkanalstenose. Die betreffende Person kann aber ohne Einschränkungen gehen, hat keine neurologischen Ausfälle und keine typischen belastungsabhängigen Beschwerden. Auch dann muss man sehr genau prüfen, welche klinische Bedeutung der Befund hat.

Umgekehrt kann eine auf den ersten Blick weniger spektakuläre Veränderung relevant sein, wenn sie exakt zu einer zunehmenden Muskelschwäche, einer Reflexveränderung oder einem klar zuzuordnenden sensiblen Ausfall passt.

Auf meiner Website wird deshalb ausdrücklich formuliert, dass MRT, CT und Röntgen mit den Beschwerden abgeglichen und nicht isoliert bewertet werden sollen. Der Befund ist wichtig. Aber der Befund ist nicht der Patient.

Trotzdem wünschen sich viele Betroffene möglichst schnell ein MRT. Ist das nachvollziehbar?

Dr. med. Nassim König: Der Wunsch ist nachvollziehbar. Wer Schmerzen hat, möchte Sicherheit und eine sichtbare Erklärung. Die Vorstellung, ein Bild könne endlich zeigen, „was kaputt ist“, kann zunächst beruhigend wirken.

Doch Bildgebung ist nicht automatisch der erste sinnvolle Schritt. Bei neu aufgetretenen unkomplizierten Kreuzschmerzen ohne Warnzeichen wird eine routinemäßige sofortige MRT-, CT- oder Röntgenuntersuchung in internationalen Kriterien nicht als regelhaft angemessen bewertet.

Anders ist die Situation bei neurologischen Ausfällen, einem Verdacht auf das Cauda-equina-Syndrom, möglichen Tumoren oder Infektionen, nach bestimmten Verletzungen oder wenn bei anhaltenden Beschwerden konkret über eine Intervention oder Operation entschieden werden soll. Dann kann Bildgebung entscheidend sein.

Das ist kein Argument gegen das MRT. Es ist ein Argument für den gezielten Einsatz des MRT.

Bildgebung sollte eine klinische Frage beantworten. Je präziser diese Frage gestellt wird, desto größer ist der medizinische Nutzen der Untersuchung.

Ihre berufliche Geschichte begann mit der Physiotherapie. Was verändert dieser Hintergrund an Ihrem Blick als Neurochirurg?

Dr. med. Nassim König: Die Physiotherapie hat mich gelehrt, Bewegung nicht nur als Ergebnis, sondern als diagnostische Information zu betrachten.

Wie steht ein Mensch auf? Wie geht er? Welche Bewegung provoziert Beschwerden? Welche Bewegung wird vermieden? Wie verändern sich Kraft, Koordination und Belastbarkeit? Solche Beobachtungen sind für das Verständnis funktioneller Beschwerden wichtig.

In der Neurochirurgie kommt eine andere Perspektive hinzu. Hier geht es um Nervenwurzeln, Rückenmark, strukturelle Engstellen, Instabilitäten, Frakturen und operative Möglichkeiten. Entscheidend ist für mich, diese Blickrichtungen nicht gegeneinander auszuspielen.

Meine Ausbildung zum Physiotherapeuten, die anschließende selbstständige Tätigkeit und später die Facharztausbildung in der Neurochirurgie bilden deshalb keinen Widerspruch. Sie gehören zu einem gemeinsamen beruflichen Weg.

Ein Neurochirurg muss wissen, wann eine Operation medizinisch begründbar ist. Er muss aber ebenso erkennen, wann Funktion, Training, Schmerztherapie, Zeit oder weitere Diagnostik zunächst wichtiger sein können.

Das bedeutet nicht, Operationen generell zu vermeiden. Eine notwendige Operation hinauszuzögern, kann ebenso problematisch sein wie einen Eingriff vorschnell zu empfehlen. Die Aufgabe besteht in der begründeten Auswahl.

Wie unterscheidet man unspezifische Rückenschmerzen von einer konkreten Erkrankung der Wirbelsäule?

Dr. med. Nassim König: Die Unterscheidung beginnt mit einer strukturierten Anamnese.

Dabei reicht es nicht, zu fragen: „Haben Sie Rückenschmerzen?“ Wichtig sind Ort, Verlauf und Charakter der Beschwerden. Strahlt der Schmerz in ein Bein oder einen Arm aus? Bestehen Kribbeln oder Taubheitsgefühle? Hat sich die Kraft verändert? Wie weit kann der Patient gehen? Werden die Beschwerden beim Sitzen, Stehen, Vorbeugen oder Liegen stärker? Treten sie nachts auf? Gab es einen Unfall, Fieber, Gewichtsverlust oder eine bekannte Tumorerkrankung?

Danach folgt die klinisch-neurologische Untersuchung. Muskelkraft, Reflexe, Sensibilität, Koordination und Gangbild helfen dabei, mögliche Nerven- oder Rückenmarksbeteiligungen einzuordnen.

Erst im nächsten Schritt wird geprüft, ob die Bildgebung zu diesen Erkenntnissen passt.

Für zuweisende Kolleginnen und Kollegen ist dabei besonders wichtig, nicht nur den radiologischen Befund zu übermitteln. Informationen über den zeitlichen Verlauf, die konkrete neurologische Symptomatik, bisherige Therapien und eine mögliche Progression sind häufig ebenso entscheidend.

Die Qualität der Entscheidung hängt nicht davon ab, wie viele Untersuchungen durchgeführt wurden. Sie hängt davon ab, ob die vorhandenen Informationen schlüssig zusammengeführt werden.

Wann wird aus einem Bandscheibenvorfall eine mögliche Operationsindikation?

Dr. med. Nassim König: Nicht das Wort „Bandscheibenvorfall“ entscheidet, sondern die klinische Situation.

Bandscheibengewebe kann eine Nervenwurzel reizen oder komprimieren. Typisch sind ausstrahlende Schmerzen, beispielsweise vom Rücken über das Gesäß in das Bein. Taubheitsgefühle, Kribbeln und Kraftminderungen können hinzukommen.

Viele Bandscheibenvorfälle können zunächst konservativ behandelt werden. Abhängig vom Befund kommen unter anderem angepasste Aktivität, physiotherapeutische Maßnahmen, medikamentöse Schmerzbehandlung oder ausgewählte interventionelle Verfahren infrage.

Eine Operation wird insbesondere dann geprüft, wenn ein klar zuzuordnender Nervendruck vorliegt und starke Beschwerden trotz angemessener Behandlung anhalten. Relevante oder zunehmende Lähmungserscheinungen verändern die Dringlichkeit. Auch Störungen der Blasen- oder Darmfunktion sowie eine Taubheit im Schrittbereich können auf eine akute schwere Einengung hinweisen und erfordern unverzügliche Abklärung.

Wichtig ist eine realistische Zieldefinition. Eine Bandscheibenoperation soll in der Regel eine bedrängte Nervenstruktur entlasten. Daraus kann nicht automatisch abgeleitet werden, dass sämtliche Rückenbeschwerden verschwinden werden. Das muss vor dem Eingriff verständlich besprochen werden.

Bei der Spinalkanalstenose hören Patienten häufig, ihr Wirbelkanal sei „zu eng“. Reicht diese Feststellung aus?

Dr. med. Nassim König: Nein. Eine anatomische Enge allein definiert bisher nicht die individuelle Behandlungsbedürftigkeit.

An der Lendenwirbelsäule kann eine Spinalkanalstenose dazu führen, dass Schmerzen, Schweregefühle, Taubheit oder Schwäche beim Gehen zunehmen. Typisch ist eine Verkürzung der Gehstrecke. Viele Betroffene berichten, dass sie sich beim Einkaufen auf den Wagen stützen oder beim Fahrradfahren weniger Beschwerden haben. Durch die gebeugte Haltung können sich die räumlichen Verhältnisse vorübergehend verändern.

Entscheidend ist aber, ob die Beschwerden tatsächlich zur Stenose passen. Gefäßerkrankungen, Hüftprobleme, Knieerkrankungen oder andere neurologische Ursachen können ähnliche Einschränkungen hervorrufen.

Besondere Aufmerksamkeit verlangt eine Verengung an der Halswirbelsäule, wenn das Rückenmark betroffen ist. Eine zunehmende Gangunsicherheit, häufiges Stolpern, Probleme mit der Feinmotorik, Veränderungen der Handschrift oder Schwierigkeiten beim Schließen kleiner Knöpfe können Hinweise auf eine zervikale Myelopathie sein.

Hier müssen nicht nur der aktuelle Zustand, sondern auch das Risiko einer neurologischen Verschlechterung betrachtet werden. Dennoch bleibt die Entscheidung individuell. Bildgebung, Untersuchung, Verlauf, Alter, Begleiterkrankungen und persönliche Voraussetzungen gehören in die Abwägung.

Wann werden Rückenschmerzen zum medizinischen Notfall?

Dr. med. Nassim König: Die meisten Rückenschmerzen sind kein Notfall. Einige Symptome dürfen jedoch nicht abgewartet werden.

Dazu gehören neue oder schnell zunehmende Lähmungen. Ebenfalls dringlich sind ein neu auftretender Verlust der Kontrolle über Blase oder Darm, erhebliche Probleme beim Wasserlassen sowie Taubheitsgefühle im Schritt- oder Sattelbereich.

Auch rasch zunehmende Gangunsicherheit, ausgeprägte Störungen der Feinmotorik oder andere Hinweise auf eine Rückenmarksbeteiligung müssen zeitnah beurteilt werden.

Fieber, ein deutlich reduzierter Allgemeinzustand, starke Schmerzen nach einem Unfall oder Beschwerden bei einer bekannten Tumorerkrankung können ebenfalls eine rasche Diagnostik erforderlich machen.

Auf der Website meiner Sprechstunde wird deshalb ausdrücklich darauf hingewiesen, dass bei akuten Lähmungen, Blasen- oder Mastdarmstörungen und rasch zunehmenden neurologischen Ausfällen unverzüglich eine Notaufnahme kontaktiert werden sollte.

Die Kenntnis solcher Warnzeichen soll keine Angst erzeugen. Sie soll Menschen helfen, zwischen Beschwerden, die regulär abgeklärt werden können, und Symptomen zu unterscheiden, bei denen Zeit eine wichtige Rolle spielt.

Was bedeutet für Sie ein ganzheitlicher Ansatz, ohne wissenschaftliche Grenzen zu verwischen?

Dr. med. Nassim König: Ganzheitlich bedeutet nicht, alles gleichzeitig zu behandeln oder jede denkbare Methode anzubieten. Und es bedeutet nicht, wissenschaftlich nicht belegte Versprechen mit einem medizinischen Begriff aufzuwerten.

Ein ganzheitlicher Blick fragt nach der anatomischen Situation, der neurologischen Funktion, der Beweglichkeit, der körperlichen Belastbarkeit, der bisherigen Therapie und dem Alltag des Patienten.

Für eine Person kann das wichtigste Ziel darin bestehen, wieder eine längere Strecke gehen zu können. Eine andere möchte ihre Arbeitsfähigkeit erhalten. Bei einem dritten Menschen steht die Frage im Vordergrund, ob eine zunehmende Muskelschwäche durch eine Nervenkompression erklärt wird.

Diese Ziele müssen medizinisch eingeordnet werden. Nicht jeder Wunsch kann durch eine einzelne Maßnahme erfüllt werden, und kein Verfahren darf mit einem sicheren Erfolg verbunden werden.

Ganzheitlichkeit bedeutet für mich deshalb vor allem Zusammenhang: den Zusammenhang zwischen Struktur und Funktion, zwischen Beschwerden und Befund sowie zwischen medizinischer Möglichkeit und persönlicher Lebenssituation.

Bewegung gilt als wichtig. Kann man Betroffenen einfach empfehlen, mehr zu gehen?

Dr. med. Nassim König: Allgemeine Bewegungsempfehlungen sind nur dann hilfreich, wenn sie zur konkreten Situation passen.

Bei unkomplizierten oder chronischen unspezifischen Kreuzschmerzen spielt körperliche Aktivität häufig eine wichtige Rolle. Eine 2024 veröffentlichte randomisierte Studie untersuchte 701 Erwachsene nach einer Episode unspezifischer Schmerzen im unteren Rücken. Die Teilnehmenden der Interventionsgruppe erhielten ein individuell gesteigertes Gehprogramm und physiotherapeutische Beratung. Bis zu einem erneuten alltagsbegrenzenden Schmerzereignis vergingen im Median 208 Tage; in der Kontrollgruppe waren es 112 Tage. Das ist ein interessanter Befund für die Rückfallprävention, aber kein Beweis dafür, dass Gehen jede Form von Rückenschmerz behandelt.

Bei einer akuten Lähmung, einer instabilen Fraktur, einer ausgeprägten Rückenmarkskompression oder bestimmten anderen Erkrankungen wäre eine pauschale Aufforderung zu mehr Bewegung unangemessen.

Deshalb müssen Empfehlungen differenziert formuliert werden. Bewegung kann ein wichtiger Bestandteil der Prävention, Rehabilitation oder konservativen Behandlung sein. Art, Umfang und Belastungssteigerung sollten sich jedoch nach dem individuellen Befund richten.

Ist eine Operation das Scheitern der konservativen Behandlung?

Dr. med. Nassim König: Nein. Diese Vorstellung erzeugt einen falschen Gegensatz.

Konservative und operative Verfahren sind keine konkurrierenden Weltanschauungen. Sie sind unterschiedliche medizinische Möglichkeiten mit unterschiedlichen Voraussetzungen.

Wenn ein Nerv relevant eingeengt ist und eine Muskelschwäche zunimmt, kann eine Operation die sachgerechte Behandlung sein. Wenn das Rückenmark gefährdet ist, kann ein weiteres Abwarten mit Risiken verbunden sein. In solchen Situationen wäre es unangebracht, aus grundsätzlicher Ablehnung eines Eingriffs immer weitere konservative Maßnahmen anzuschließen.

Umgekehrt ist eine Operation kein universeller Reparaturmechanismus. Sie kann eine Nervenwurzel entlasten, Raum für das Rückenmark schaffen oder eine relevante Instabilität stabilisieren. Sie behandelt aber nicht automatisch jede Form von Rückenschmerz, Muskelabbau, Bewegungsangst, Schlafmangel oder chronischer Schmerzverarbeitung.

Gerade nach einem Eingriff bleiben Mobilisation, Rehabilitation und der schrittweise Wiederaufbau der Belastbarkeit wichtig. Der Operationssaal ist bei vielen Erkrankungen nur ein Teil des Behandlungsweges.

Nassim König - Entscheidung Wirbelsäulenoperation

Welche Rolle spielt die Zweitmeinung?

Dr. med. Nassim König: Eine Zweitmeinung ist kein Angriff auf die erste behandelnde Ärztin oder den ersten behandelnden Arzt. Sie ist ein Instrument der informierten Entscheidung.

Gerade vor einer Wirbelsäulenoperation möchten viele Patientinnen und Patienten wissen, ob Befund, Beschwerden und vorgeschlagener Eingriff nachvollziehbar zusammenpassen. Eine zweite Einschätzung kann die Operationsindikation bestätigen. Sie kann aber auch zu ergänzender Diagnostik, einer veränderten Operationsplanung oder zunächst zu einem konservativen Vorgehen führen.

Der Wert der Zweitmeinung besteht nicht darin, Operationen grundsätzlich zu verhindern. Er besteht darin, die Entscheidungsgrundlage zu verbreitern.

In der Praxis werden die Zweitmeinung und die Prüfung der Operationsindikation deshalb als wesentliche Schwerpunkte der Sprechstunde genannt. Das mögliche Ergebnis wird bewusst offen formuliert: weitere konservative Behandlung, gezielte Diagnostik, Intervention oder operative Option.

Welche Fragen sollten Patienten vor einer möglichen Operation stellen?

Dr. med. Nassim König: Patienten sollten verstehen, welches konkrete Problem behandelt werden soll.

Dazu gehört die Frage, welche Struktur vermutlich für welche Beschwerden verantwortlich ist. Es sollte besprochen werden, welches realistische Ziel mit dem Eingriff verbunden ist und welche Symptome möglicherweise nicht beeinflusst werden.

Ebenso wichtig sind die Alternativen. Gibt es noch konservative Möglichkeiten? Welche Folgen kann weiteres Abwarten haben? Besteht Zeit für eine zweite Meinung? Welche allgemeinen und individuellen Risiken müssen berücksichtigt werden? Wie sieht die Nachbehandlung aus?

Eine verständliche Aufklärung muss auch Unsicherheiten benennen. Die ärztliche Berufsordnung verlangt vor operativen Eingriffen eine angemessene Erläuterung von Wesen, Bedeutung, Tragweite, Alternativen und Risiken. Je weniger zwingend eine Maßnahme und je größer ihre Tragweite ist, desto ausführlicher muss aufgeklärt werden.

Eine gute Entscheidung entsteht nicht dadurch, dass der Patient möglichst schnell zustimmt. Sie entsteht dadurch, dass er versteht, worüber er entscheidet.

Was wünschen Sie sich von der Zusammenarbeit mit Hausärzten, Orthopäden, Neurologen, Schmerzmedizinern und Physiotherapeuten?

Dr. med. Nassim König: Eine gemeinsame Sprache und eine möglichst klare Fragestellung.

Wirbelsäulenpatienten bewegen sich häufig zwischen verschiedenen Fachgebieten. Das ist angesichts der Komplexität der Beschwerden sinnvoll, kann aber zu Brüchen in der Versorgung führen. Befunde werden mehrfach erhoben, während die entscheidende klinische Entwicklung manchmal nicht ausreichend dokumentiert wird.

Für die neurochirurgische Mitbeurteilung sind beispielsweise Angaben zu neu aufgetretenen Kraftdefiziten, zur Entwicklung der Gehstrecke, zur Dauer radikulärer Beschwerden und zu bereits durchgeführten Behandlungen besonders hilfreich.

Umgekehrt sollte die neurochirurgische Rückmeldung nicht bei der Aussage „Operation ja oder nein“ enden. Zuweisende Kolleginnen und Kollegen benötigen eine nachvollziehbare Einschätzung, welche Struktur als klinisch relevant angesehen wird und welche nächsten Schritte empfohlen werden.

Interdisziplinarität darf kein bloßes Schlagwort sein. Sie muss sich in der Qualität der Informationen und in der Abstimmung des weiteren Vorgehens zeigen.

Ihre Positionierung entsteht also weniger durch eine bestimmte Operationstechnik als durch die Art der Entscheidung?

Dr. med. Nassim König: Eine sichere Operationstechnik ist unverzichtbar. Sie ersetzt aber keine gute Indikationsstellung.

Die operative Erfahrung und die Kenntnis moderner Verfahren sind notwendig, um Eingriffe fachgerecht zu planen und durchzuführen. Die medizinische Verantwortung beginnt jedoch vorher.

Man muss erklären können, weshalb gerade diese Veränderung als Ursache der Beschwerden angesehen wird. Man muss begründen können, warum eine Operation jetzt sinnvoll erscheint oder weshalb zunächst nicht operiert werden sollte. Und man muss offen benennen, welche Grenzen bestehen.

Vielleicht lässt sich mein beruflicher Ansatz deshalb mit dem Begriff „Einordnung statt Schnellurteil“ zusammenfassen. Sie bedeutet nicht Unentschlossenheit. Sie bedeutet, dass eine weitreichende Empfehlung auf einer nachvollziehbaren Verbindung von Anamnese, Untersuchung und Bildgebung beruhen sollte.

Was ist Ihre wichtigste Botschaft an Menschen, die mit einem auffälligen MRT-Befund in die Sprechstunde kommen?

Dr. med. Nassim König: Ein auffälliger Befund ist eine Information. Er ist noch kein Urteil über die Zukunft.

Begriffe wie Degeneration, Protrusion, Stenose oder Wirbelgleiten können Angst machen. Sie müssen aber immer in den persönlichen Zusammenhang eingeordnet werden.

Manche Veränderungen benötigen keine Operation. Andere erfordern Verlaufskontrollen oder eine gezielte konservative Behandlung. Und einige Befunde können in Verbindung mit den entsprechenden neurologischen Symptomen eine operative Abklärung notwendig machen.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht: „Wie schlimm sieht mein MRT aus?“

Sie lautet: „Welche Bedeutung hat dieser Befund für meine Beschwerden, meine neurologische Funktion und meine weitere Behandlung?“

Orientierung statt Versprechen

Nach unserem Gespräch bleibt für mich ein Gedanke besonders deutlich: Die Wirbelsäulenmedizin leidet nicht unter einem Mangel an Bildern. Sie leidet gelegentlich unter einem Mangel an Zusammenhang.

Ein MRT kann hochauflösend sein und dennoch nicht erklären, warum ein Mensch kaum noch gehen kann. Ein radiologisch eindrucksvoller Befund kann klinisch wenig bedeutsam sein. Eine scheinbar kleine Veränderung kann dagegen relevant werden, wenn sie mit einem fortschreitenden neurologischen Ausfall übereinstimmt.

Dr. Nassim Königs beruflicher Weg vom Physiotherapeuten zum Neurochirurgen steht für die Verbindung zweier Perspektiven: Funktion und Struktur, Bewegung und Nervensystem, konservative Möglichkeiten und operative Verantwortung.

Diese Verbindung ist keine Garantie für einen bestimmten Behandlungserfolg. Sie ist auch kein Versprechen, dass Operationen immer vermieden oder Beschwerden sicher beseitigt werden können.

Sie beschreibt vielmehr einen medizinischen Anspruch: erst verstehen, dann entscheiden.

Vielleicht liegt genau darin eine zeitgemäße Positionierung in der Wirbelsäulenmedizin. Nicht in der Behauptung, auf jede Beschwerde eine schnelle Antwort zu besitzen. Sondern in der Bereitschaft, die richtige Frage so lange zu präzisieren, bis eine medizinisch nachvollziehbare Empfehlung möglich wird.

Denn der wichtigste Befund liegt nicht allein auf dem Bildschirm.

Er zeigt sich im Gespräch, in der Untersuchung, in der Bewegung und in der Geschichte des Menschen, der vor dem Arzt sitzt.

Medizinischer Hinweis

Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine persönliche ärztliche Untersuchung, Diagnose oder individuelle Therapieempfehlung. Aus den dargestellten Krankheitsbildern und Behandlungsoptionen kann kein bestimmtes Behandlungsergebnis abgeleitet werden.

Bei neu auftretenden oder rasch zunehmenden Lähmungen, Störungen der Blasen- oder Darmfunktion, Taubheit im Schrittbereich oder schnell fortschreitenden neurologischen Beschwerden ist eine unverzügliche ärztliche Notfallabklärung erforderlich.

Hinweis zur ärztlichen Kommunikation

Der Beitrag ist als sachlicher Wissenstransfer konzipiert. Er enthält keine Zusicherung von Heilung oder Behandlungserfolg und keine Aussage, dass eine bestimmte Methode oder ein bestimmter Behandler anderen überlegen sei. Die ärztliche Berufsordnung erlaubt sachliche berufsbezogene Informationen, untersagt jedoch insbesondere anpreisende, irreführende oder vergleichende Werbung.

Autor: Moritz Bausch, operationstechnischer Assistent und medizinischer Blogger

Kontakt

Dr. med. Nassim König
Neurochirurgische Wirbelsäulensprechstunde Mainz
MVZ des Marienhausklinikum Mainz
An der Goldgrube 11
55131 Mainz

Telefon: 06131 832465
E-Mail: kreuzkoenig.dr@gmail.com
Web: https://www.kreuzkoenig.com

Über Dr. Nassim König:

Dr. med. Nassim König ist Facharzt für Neurochirurgie mit Schwerpunkt Wirbelsäulenchirurgie. Sein Fokus liegt auf der Diagnostik und Behandlung degenerativer Erkrankungen der Hals-, Brust- und Lendenwirbelsäule, insbesondere Bandscheibenvorfällen, Spinalkanalstenosen, Wirbelgleiten und degenerativen Skoliosen. In seiner Wirbelsäulensprechstunde in Mainz stehen die sorgfältige Prüfung der Operationsindikation, neurochirurgische Zweitmeinungen sowie die Abstimmung konservativer und operativer Behandlungsmöglichkeiten im Mittelpunkt.

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